enzberg.jpg (22938 bytes)Hans Magnus EnzensbergerEnzensberger_Titanic.JPG (17548 bytes)

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Der Untergang der Titanic

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Zehnter Gesang

Das also ist der Tisch, an dem sie saßen.                                         

Du siehst, von außen, durchs Bullauge, B.    

im Rauchsalon, einen russischen Emigranten,     

wie er, gestikulierend, eingehüllt

in blaues Gewölk aus guten Zigarren,

cubanischen, Marke Partagas, Handarbeit,

vollkommen glücklich, selbstvergessen, 

am grünen Tisch, ganz ohne Rücksicht

auf Eisberge Schiffbrüche Sintfluten, 

einer kleinen Schar von Friseuren,

Glücksspielern, Telegraphisten,

den Umsturz predigt. Du siehst es,

aber du kannst es nicht hören,

denn durch das dicke gewölbtle Glas,

in dem sich Messing spiegelt,

dringt kein Laut. Du vernimmst

nichts, und doch verstehst du,

worauf er hinauswill, und du verstehst,

daß er recht hat, auch wenn es vielleicht

zu spät ist, um recht zu haben.

Nun aber bemerkst du, am Nebentisch,

einen anderen Herrn, der sich voll Zorn

erhebt. Ein Textilfabrikant ist es

aus Manchester, der sich beherrschen muß,

wenn er diesen Unsinn hört. Schneidend

erklärt er die Vorzüge strikter Disziplin,

die Notwendigket der Autorität.

Unbedingt, sagt er, müsse sie sein,

Mit zitterndem Schnurrbart, und eisern,

besonders an Bord eines Schiffes. 

Du natürlich kannst seinen Gründen

nicht folgen, weil du sie nicht hörst.

Aber sieh nur, wie sie die Hälse wenden,

Die Glücksspieler und Telegraphisten,

Als würde hier Tennis gespielt! 

Am liebsten möchten alle gerettet werden,

auch du. Aber ist das nicht allzuviel

verlangt von einer Idee? Die Partie

bleibt unentschieden. Kein Mensch

hat die beiden Herren erblickt

in einem der Rettungsboote, kein Mensch

hat je wieder von ihnen gehört.

Nur der Tisch, der leere Tisch

treibt immer noch auf dem Atlantik.

 

Eine Interpretation dieses Gesangs

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Fortsetzung: Der Aufschub

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